Ethik im Big-Business Ist Ehrlichkeit gleich dumm

Ist ehrlich gleich dumm?
Jack Welch entschloss sich unter wachsendem öffentlichen Druck, auf Teile seiner Pension im Wert von über zwei Millionen Dollar im Jahr zu verzichten. Darüber hinaus gab der Ex-GE-Chef seinen Anspruch auf unlimitierte Freiflüge im firmeneigenen Jet, einen Mercedes, Wimbledon- und Opern-Tickets, ein Apartment am New Yorker Central Park und das dazugehörige Personal auf.

Weil seine Frau diese Vergünstigungen im Rahmen der Scheidungsverhandlungen öffentlich machte, wurde Welch nun stellvertretend für die Gier und Vorteilsnahme der Manager-Kaste an den Pranger gestellt – von den gleichen Organen übrigens, die ihn zuvor als "weltbesten Manager" feierten, weil er das Vermögen seiner Aktionäre vervielfacht hatte.

"Die Menschen sind undankbar, unbeständig, heuchlerisch, furchtsam und eigennützig." Das stammt – wie könnte es anders sein – aus Niccolò Machiavellis "Der Fürst". Vielen ist seine Erkenntnis, dass Menschen im Kern Egoisten sind, unheimlich und zuwider. Dennoch ist sie weitgehend richtig.

Ist das ein Problem? Selbstsucht bei Managern wirklich Grund für Entrüstung? Schon Adam Smith fand, für die Allgemeinheit sei es das Beste, wenn jeder nach seinen Interessen handele. Wenn alle trachten, ihren Gewinn zu mehren, erhöht sich zwangsläufig auch das allgemeine Wohl, so Smith. "Ja gerade dadurch, dass der Einzelne das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun."

Und wo bleibt die Ethik? Schon Karl Popper wusste, dass der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, stets die Hölle produziert. Wer die Moral und den lieben Gott auf seiner Seite zu haben glaubt, schreckt vor nichts zurück. Denken wir nur an die Hexenverbrennung der katholischen Kirche, den Konflikt in Nordirland oder an die Taliban und andere Fanatiker.
Was das alles mit Wirtschaft zu tun hat? Eine ganze Menge. Manager sind Menschen und als solche in der Regel stärker von konkreten Interessen getrieben als vom abstrakten Guten. Zugegeben: Führungskräfte sind moralisch gesehen eine besonders gefährdete Gruppe. In vielen Kulturen ist jeder Dienst eine Gegenleistung wert. Im scharfen Wettbewerb, unter großen Organisationen und ohne Kontrolle entwickelt sich ein eigentlich freundliches und freundschaftliches Prinzip jedoch schnell zum Übel der Korruption. Ein Übriges tut die Globalisierung: Entscheidungen werden an die Basis und vor Ort verlagert, Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern dazu die Leine locker lassen. Dabei haben viele Firmen versäumt, auch Verhaltensregeln zu formulieren und Kontrollsysteme einzurichten. Hat sich auf einem Markt einmal ein korruptes System etabliert, wird jeder normale Mensch irgendwann sagen: Keine Ethik der Welt kann von mir verlangen, dass ich um der Moral willen die Zukunft meines Unternehmens belaste. Und so verstärkt sich die Selbstbedienungsmentalität im Zeitverlauf – immer mehr machen mit, weil sie finden, dass sie mitmachen müssen.

Der Wirtschaftsethiker Karl Homann von der Katholischen Universität Eichstätt sagt dazu: "Der Wettbewerb ist das Rückgrat der modernen Marktwirtschaft und die Grundlage unseres Wohlstands. Aber der Wettbewerb macht moralisches Verhalten für den Einzelnen extrem schwierig. Solange nicht ganz klare Spielregeln vereinbart werden, wird der Ehrliche leicht über den Tisch gezogen." Selbst ein Berufsethiker weiß also: Moral ist keine Kategorie, mit der sich eine moderne Marktwirtschaft oder ein Unternehmen steuern lässt. Wir können höchstens Handlungsbedingungen schaffen, die es Managern erlauben, sich ethisch korrekt zu verhalten. Gesetze gegen Betrug, Bilanzfälschung, Insidergeschäfte haben wir längst, sie müssten nur konsequent durchgesetzt werden.

Aber derzeit hören wir vor allem Moralpredigten. Wer historisch denkt, wundert sich darüber nicht. Die Welt ist komplex, Arbeitslosigkeit, Umweltprobleme, ungerecht verteilte Ressourcen machen große Sorgen. Und auf Unsicherheit und Risiken reagiert die Öffentlichkeit regelmäßig mit einem Schrei nach Moral. Der ist jedoch oft an Heuchelei nicht zu überbieten. Denn wir sollten von unseren Politikern und Managern nicht mehr Ethos erwarten, als wir selber zu ertragen bereit sind. Wer hat in der Schule nie abgeschrieben? Nie einen Apfel geklaut? Wer hat niemals mit einer Notlüge eine Verabredung abgesagt, weil ein interessanteres Date ins Haus stand? Sich mit vorgeschützter Krankheit vor einem Versprechen oder einem unangenehmen Termin gedrückt?

Jeffrey Skilling, der Enron-Chef, der sich noch mit gewaltigen Summen bediente, als das Unternehmen schon zusammenbrach, wurde seinerzeit an der Harvard Business School gefragt, was er tun würde, wenn sein Unternehmen ein Produkt herstellen würde, das Menschen verletzen oder gar töten könne. Skilling soll geantwortet haben: "Ich würde weiter produzieren und verkaufen. Es ist die Aufgabe der Regierung einzuschreiten, wenn etwas gefährlich ist."
Diese Haltung ist natürlich Unsinn. Aber nicht, weil sie amoralisch, sondern weil sie schlecht fürs Geschäft ist. Den Schaden, den dieses Denken anrichtet, sehen wir überall, insbesondere wenn wir auf unsere Depotauszüge schauen. Das Problem ist nicht der miese Charakter Einzelner, sondern die Krise, in die Kapitalismus und Börse taumeln, wenn die Menschen wegen einiger Krimineller das Vertrauen in unser Wirtschaftssystem verlieren.

Die Skepsis ist schon gewaltig, wie eine Umfrage der PR-Agentur Edelmann unter amerikanischen und europäischen Meinungsführern ergab. Besonders kritisch sind wir Deutsche: In Amerika bringen noch 41 Prozent der Befragten den Unternehmen großes Vertrauen entgegen, hier nur 29 Prozent. Und das Zutrauen der Menschen zur Wirtschaft wird nicht größer durch die übertriebenen Zahlungen an Manager wie Jack Welch. Vor 20 Jahren verdiente der Chef einer großen US-Firma rund 42-mal so viel wie einer seiner Arbeiter. Heute ist das Verhältnis bei 400 zu eins. Das ist nicht nur eine unehrenhafte Umverteilung von den Aktionären hin zu den Managern. Es ist vor allem betriebswirtschaftlich schlecht. Es schwächt die Unternehmen bilanziell, demotiviert Mitarbeiter und erfüllt sie mit Verachtung für die eigene Organisation. Märkte funktionieren nicht ohne Vertrauen. Das ist allerdings kein moralisches Statement, sondern ein ökonomisches.

Welt am Sonntag
Nr. 41 / 13.10.2002, Seite 26